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Freud


Freud

Sigmund Freud (* 6. Mai 1856 in Freiberg in Mähren, damals Kaisertum Österreich, heute tschechisch Příbor als Sigismund Schlomo Freud; † 23. September 1939 in London), war ein österreichischer Neurologe, Tiefenpsychologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker, der als Begründer der Psychoanalyse weltweite Bekanntheit erlangte. Freud gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts; seine Theorien und Methoden werden bis heute kontrovers diskutiert.

Leben

Familie und Herkunft

Freud wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren. Er sah sich trotz seiner atheistischen und religionskritischen Einstellung im Grunde zeit seines Lebens dem Judentum zugehörig.

Sein Vater, der Wollhändler Kallamon Jacob Freud (* 18. Dezember 1815 in Tysmenitz, Galizien; † 23. Oktober 1896 in Wien), war bei Sigmunds Geburt schon über vierzig Jahre alt und in dritter Ehe mit Amalia Freud (1835–1930; geborene Nathansohn) verheiratet. Freud hatte zwei ältere Halbbrüder aus den vorangegangenen Ehen seines Vaters und sieben jüngere Geschwister aus der Ehe seiner Eltern.

Neurophysiologie und Pharmakologie – Untersuchungen mit Kokain

1882 trat Freud eine Stelle im Wiener Allgemeinen Krankenhaus unter Theodor Meynert an, die er bis 1885 innehatte. Dort arbeitete er im Laboratorium für Gehirnanatomie im Bereich der Neurophysiologie. Von 1884 bis 1887 befasste sich Freud eingehend mit der Pharmakologie des Stimulans Kokain, einer damals wenig bekannten Droge, die ein deutscher Militärarzt eingesetzt hatte, um die körperliche Ausdauer seiner Männer zu steigern. Seine Studie über Cocain, für die Freud auch Selbstversuche unternommen hatte, wurde 1884 veröffentlicht und war Grundlage der damals revolutionären Entdeckung der lokalanästhetischen Wirkung des Cocains am Auge, nachgewiesen durch Versuche von Carl Koller. Versuche, seinen morphiumsüchtigen Freund und Kollegen Ernst von Fleischl mit Cocain zu heilen, misslangen und Fleischl wurde kokainabhängig, was Freud jedoch nicht in seinen Publikationen zugab, sondern nur in privaten Briefen an seine Verlobte Martha Bernays, bekannt durch Freuds Freund und Biograph Ernest Jones, der den Briefwechsel ausgewertet hat. Freud selbst nutzte über Jahre die therapeutische Wirkung des Cocains, ohne eine Toleranzentwicklung. Freuds inzwischen vollständig veröffentlichte Korrespondenz mit Wilhelm Fließ bestätigt, dass er bis 1895 Cocain, das Fließ ihm verschrieb, zur lokalen Behandlung von Nebenhöhlenentzündungen verwendete.

Private Wege

Nach vierjähriger Verlobungszeit heirateten Sigmund Freud und Martha Bernays (1861–1951) am 13. September 1886 standesamtlich im Rathaus von Wandsbek bei Hamburg. Seine Verlobte stammte aus einer angesehenen Rabbiner- und Gelehrtenfamilie. Am nächsten Tag folgte die Trauung nach jüdischem Ritus. Freuds Schwester Anna heiratete den Bruder Marthas, Ely Bernays. Somit wurde Sigmund Freud auch Onkel des 1891 geborenen Edward Bernays, des „Vaters der Public Relations“.

Martha Bernays und Sigmund Freud hatten gemeinsam sechs Kinder: Mathilde (1887–1978), Martin (Jean Martin) (1889–1967), Oliver (1891–1969), Ernst (Ernst Ludwig) (1892–1970), Sophie (1893–1920) und Anna (1895–1982).

Den Söhnen gab Freud die Vornamen historischer Persönlichkeiten: Martin (Jean Martin), nach seinem berühmtesten Lehrer, dem Pariser Hysteriespezialisten Jean-Martin Charcot. Oliver, nach Oliver Cromwell, der England für die Juden geöffnet hatte. Ernst (Ernst Ludwig), nach dem Physiologen Ernst Wilhelm von Brücke. Der Architekt Ernst L. Freud (1892–1970) ist der Vater des bedeutenden Porträtmalers Lucian Freud aus London (1922–2011).

1891 zog Freud innerhalb Wiens in ein neu errichtetes Haus in die Berggasse 19, in dem vorher Victor Adler, der Begründer der österreichischen Sozialdemokratie, praktiziert hatte. Freud wohnte und wirkte die nächsten 47 Jahre hier. Kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert trat er der jüdischen B’nai-B’rith-Loge in Wien bei.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges ließ sich Freud von der allgemeinen Kriegseuphorie mitreißen und verstieg sich sogar zu der Bemerkung, seine „ganze Libido“ gehöre Österreich-Ungarn. Erst allmählich wich seine Begeisterung zunehmender Ernüchterung und Resignation angesichts des Kriegsverlaufs.

Über Jahrzehnte rauchte Freud ungefähr 20 Zigarren pro Tag. 1922 erkrankte Freud an Gaumenkrebs. 1923 wurden deshalb der rechte Oberkiefer und Gaumen operativ entfernt, und es musste eine Prothese eingesetzt werden. Im Laufe der folgenden fünfzehn Jahre wurden dreiunddreißig weitere, unterschiedlich schwere Operationen durchgeführt. Die Erkrankung verschlimmerte sich jedoch beständig bis zu seinem Tod.

Freud

Die Entstehung der Psychoanalyse

Von „Psychoanalyse“ sprach Sigmund Freud erstmals im Jahr 1896, und zwar als „dem etwas subtilen Ausforschungsverfahren von Josef Breuer“; diesem war es in der Behandlung von Bertha Pappenheim gelungen, deren Symptome aufzulösen, indem er Pappenheim die eigentlichen Traumatisierungen, die sich hinter ihren Symptomen verbargen, aufspüren und aussprechen ließ. Es ging um die Benennung dessen, was sie tatsächlich an Verletzung, Kränkung, Ekel, Entwertung, Gewalt usw. erlebt hatte, jedoch aufgrund der 'guten Erziehung' nicht benennen durfte.

Breuers Vorgehen entsprach ziemlich exakt demjenigen des König Ödipus im Theaterstück von Sophokles: Ödipus durchdringt mit großer Aufrichtigkeit am Ende die wahren Zusammenhänge. Schiller hatte 1797 in einem Brief an Goethe den König Ödipus eine „tragische Analysis“ genannt, weil aus der Rückschau die Zusammenhänge aufgelöst werden. Möglicherweise schlug Breuer Freud vor, zur Betonung dieser Parallele das entwickelte Verfahren „Psychoanalyse“ zu nennen.

Bis zum September 1897 nannte Freud sein Verfahren mehrfach „Psychoanalyse“, hielt aber dabei immerhin an dem Prinzip der Breuerschen Behandlung fest, indem er seine Patienten Gewalterfahrungen erforschen und benennen ließ. Jedoch war er in dieser Zeit einseitig fixiert auf Gewalt sexueller Natur, konkretisiert zuletzt als Vergewaltigung durch den Vater im Alter zwischen zwei und acht Jahren (siehe Verführungstheorie). Diesen Ansatz verwarf er dann im September 1897 (Brief vom 21. September 1897 an Fliess) und verkehrte ihn quasi in sein Gegenteil: Jetzt erwog er, die außer Kontrolle geratenen triebhaften Wünsche und Phantasien des Kindes gegenüber seinen Eltern seien der Ursprung zahlreicher Störungen. Einen Monat später formulierte er gegenüber Wilhelm Fließ (Brief vom 15. Oktober 1897) nach selbstanalytischen Betrachtungen erstmals die These vom „Ödipus-Komplex“: Er postulierte das Phänomen unbewusster libidinöser Bindungen an die eigene Mutter bei einem gleichzeitigen Rivalitätsverhältnis zum Vater: „Ich habe die Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater auch bei mir gefunden und halte sie jetzt für ein allgemeines Ereignis früher Kindheit [...]. Wenn das so ist, so versteht man die packende Macht des König Ödipus“.

1895 verbrachte Freud den Sommer bei der Familie Ritter von Schlag in deren Schloss Belle Vue am Cobenzl, oberhalb Grinzings, in Wien. Am 24. Juli enthüllte sich ihm in der Deutung des Traumes von 'Irmas Injektion', wie er es mit einer gewissen Selbstironie in einem Brief an Wilhelm Fließ ausdrückte‚ „das Geheimnis des Traumes“, woran eine Stele mit Inschrift an der Stelle des 1963 abgerissenen Schlosses erinnert.

Am 4. November 1899 erschien Freuds frühes Hauptwerk, Die Traumdeutung, vordatiert auf 1900. Es folgten in kurzen Abständen die Schriften Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1901), Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten (1905) und Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905).

Zum 1. April 1902 wurde Freud zum außerordentlichen Titular-Professor ernannt, nachdem seine Patientin Baronin Marie von Ferstel den zuständigen Minister Wilhelm von Hartel mit der Schenkung eines Kunstwerks dazu 'angeregt' hatte. Im gleichen Jahr gründete Freud die „Psychologische Mittwochs-Gesellschaft“, aus der 1908 die Wiener Psychoanalytische Vereinigung hervorging: Alfred Adler, Wilhelm Stekel und andere Kollegen und Schüler versammelten sich jede Woche in seiner Wohnung zur Erlernung der neuen Methode und Diskussion. Im Laufe der nächsten Jahre schlossen sich Paul Federn, Carl Gustav Jung, Otto Rank, Sándor Ferenczi und andere dem Kreis um Freud an.

1908 berief Freud den ersten psychoanalytischen Kongress nach Salzburg ein. Hier kam es zu einem leisen Eklat: Otto Gross, ein Psychiater, der sich schon seit einigen Jahren öffentlich für Freuds Lehre eingesetzt hatte, zog gesellschaftspolitische Schlussfolgerungen aus ihr. Freud, der sich kurz zuvor in seiner Schrift Die ‚kulturelle‘ Sexualmoral und die moderne Nervosität konträr geäußert hatte, setzte dem entgegen, dass eine Veränderung der Gesellschaft nicht die Aufgabe von Ärzten sei, und sorgte dafür, dass Gross aus der Gruppe gedrängt und aus ihren Annalen getilgt wurde. 1910 gründete Freud die „Internationale Psychoanalytische Vereinigung“ (IPV), es folgten 1911 die „amerikanische psychoanalytische Vereinigung“ sowie 1919 die „britische psychoanalytische Vereinigung“.

1913 erschien die Schrift Totem und Tabu, in der sich Freud mit dem kulturgeschichtlichen Phänomen des Inzestverbots auseinandersetzte.

1917 stellte er im 18. Kapitel der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse seine Entdeckung der Macht des Unbewussten in eine Reihe mit den Theorien von Nikolaus Kopernikus und Charles Darwin und bezeichnete alle drei Theorien als „Kränkungen der Menschheit“.

1920 wurde Freud zum ordentlichen Professor ernannt.

Religionskritiker Freud

Freud, der einer jüdischen Familie entstammte, stand als Atheist und Religionskritiker in einem zwiespältigen Verhältnis zu seiner angestammten Religion. Erst durch den gegen Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt auflodernden Antisemitismus fand eine Rückbesinnung auf seine jüdischen Wurzeln statt, die auch in der Mitgliedschaft in einer B’nai B’rith-Loge ihren Ausdruck fand. Auch stand er später den zionistischen Aktivitäten in Palästina wohlwollend gegenüber, ohne sich selbst als Zionist zu verstehen. Am 18. Februar 1926 schrieb Freud an Enrico Morselli: „Obwohl der Religion meiner Voreltern längst entfremdet, habe ich das Gefühl für die Zusammengehörigkeit mit meinem Volk nie aufgegeben“. Eine Relevanz seiner Religionsherkunft für seine Wissenschaft verneinte er hingegen, ohne die Gefahr zu verkennen, dass eine solche von seinen Gegnern postuliert werden könne, was später auch geschah.

Freud bezeichnet sich selbst als einen Feind der Religion „in jeder Form und Verdünnung“ und steht somit in der Tradition Ludwig Feuerbachs (dessen Thesen er als seine philosophische Grundlage ansieht) und Friedrich Nietzsches (dem er zugesteht, etliche Einsichten der Psychoanalyse intuitiv vorweggenommen zu haben). Auch Arthur Schopenhauers Schriften hatten großen Einfluss auf den jungen Freud.

Freud bekräftigt die Religionskritik der Philosophen durch Einsichten, die er als naturwissenschaftlich geprägter Mediziner bei der Entwicklung der klinischen Psychoanalyse gewonnen hat. Dabei drängte sich ihm die Auffassung auf, dass die Religion einer Kindheitsneurose vergleichbar sei.

Hierbei argumentiert er anthropologisch, ontogenetisch und phylogenetisch: Das anthropologische Argument definiert die Religion als infantiles (=kindliches) Abwehrverhalten gegen die menschliche Unterlegenheit: Der Mensch habe die Naturkräfte personalisiert und zu schützenden Mächten erhoben. Somit helfen sie ihm in seiner Hilflosigkeit. Das zugrunde liegende Verhaltensmuster knüpfe an die frühkindliche Erfahrung der schützenden Eltern, besonders die des Vaters, an.

Auf die frühkindlichen Erfahrungen geht auch Freuds ontogenetischer Ansatz ein: Das ambivalente Verhältnis des Kindes gegenüber dem Vater setzt sich im Glauben des Erwachsenen fort. Er erkennt, dass er auch als solcher sich nicht völlig gegen fremde Übermächte wehren kann, weswegen er seinen Schutz im Gottesglauben sucht. Die Götter fürchtet er, trotzdem überträgt er ihnen seinen Schutz.

Das Motiv der Vatersehnsucht setzt sich bei der stammesgeschichtlichen (phylogenetischen) Erklärung fort. Freud greift in Totem und Tabu (1913) das von Charles Darwin eingeführte Modell einer Urhorde auf, deren Stammesvater als absoluter Despot von den Söhnen sowohl verehrt als auch gehasst wurde, insbesondere aufgrund seines Anspruches, alle Frauen der Horde zu besitzen. Aus Eifersucht hätten sie ihr Oberhaupt gemeinsam umgebracht (Ödipuskomplex). Eine Nachfolge sei aufgrund der wechselseitigen Blockade der Söhne und der nachträglichen Idealisierung des ermordeten Urvaters nicht möglich gewesen. Als Gemeinschaft sollen sich die Söhne der Urhorde darauf verständigt haben, sich die Endogamie, den Besitz der Frauen der eigenen Gruppe zu versagen, so dass lediglich Frauen fremder Stämme und Sippen geheiratet werden durften (Exogamie-Gebot). Anschließende rituelle Mahlzeiten sollen an den vorangegangenen Mord bzw. die darauf folgende Etablierung elementarer Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens erinnern. Das menschliche Schuldbewusstsein sei somit der Anfang sozialer Organisation, von Moral, Religion, sittlicher Beschränkung und damit der Kultur überhaupt.

Freud setzte sich bis zu seinem Lebensende mit dem Thema Religion auseinander. Sein letztes Werk (1939), wenige Tage vor seinem Tod veröffentlicht, war eine Studie über den Religionsgründer Moses: Der Mann Moses und die monotheistische Religion.

Freud und Jung

1906 tritt Freud in einen Briefwechsel mit seinem Fachkollegen Carl Gustav Jung ein. Bei einem Treffen 1907 reden beide 13 Stunden lang ohne Unterbrechung. Freud möchte in Jung seinen „Kronprinzen“ sehen, schon deshalb, damit man seine ohnehin stark angefeindete Lehre nicht als eine jüdische Angelegenheit abtun kann. 1909 reist Freud mit Jung und Ferenczi auf Einladung dortiger Interessenten an seiner Lehre in die USA. 1910 wird Jung zum Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung gewählt. 1913/14, nachdem sich schon 1911 Alfred Adler von Freud getrennt hatte, kommt es auch zum Bruch mit Jung. Freud veröffentlichte seine Sicht der beiden Trennungen in der Schrift Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung.

Verfolgung, Emigration und Tod im Exil

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland fielen auch Freuds Werke der Bücherverbrennung vom Mai 1933 anheim. Ein Jahr später wurde in Österreich die Demokratie in einen klerikalfaschistischen Ständestaat transformiert. Freud scheint die Gefahr, die ihm drohte, nicht wirklich wahrgenommen zu haben. Er meinte zunächst, der reaktionäre Katholizismus in Österreich sei der damals beste Schutz gegen die Nazis. In Verkennung des Ernstes der Lage ließ er sich sogar zwecks Fortbestands der Psychoanalyse in Deutschland auf allerlei organisatorische Kompromisse mit den Nationalsozialisten ein.

In dieser Zeit verschärfte sich auch Freuds Konflikt mit dem – zu dieser Zeit – kommunistisch orientierten Wilhelm Reich, einem ursprünglich von ihm geschätzten Schüler, der 1930 in die KPD eintrat und in Wort und Schrift gegen den Nationalsozialismus agitierte. Freud ließ Reich 1934 aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausschließen. Ob dies sozusagen als Bauernopfer zwecks Appeasement gegenüber den Nationalsozialisten geschah, wie einige Historiker meinen, oder doch primär aus „wissenschaftlichen Gründen“, wie Freud selbst – allerdings nur in einem privaten Brief – angab, blieb bislang ungeklärt.

Anschluss Österreichs

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich am 12. März 1938 wurde Anna Freud durch die Gestapo verhört. Sie war vom Hausarzt Max Schur für den Notfall mit Veronal versorgt worden. Als Anna durch Glück wieder heimkommen konnte, war Freud letztlich überzeugt, dass es Zeit sei, das Land zu verlassen. Einflussreiche Anhänger wie Ernest Jones und Marie Bonaparte initiierten diplomatischen Druck von Seiten Großbritanniens und der Vereinigten Staaten, sodass Freud und die meisten seiner Familienmitglieder nach Zahlung der „Reichsfluchtsteuer“ ausreisen konnten. Freud unterschrieb, um ausreisen zu dürfen, dass sie gut behandelt worden wären, und ergänzte sarkastisch: „Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen.“ Er emigrierte am 4. Juni 1938 nach London, wo er ein Haus im Stadtteil Hampstead bezog (20 Maresfield Gardens).

Anna Freud begann in London eine Werkausgabe in der von John Rodker für diesen Zweck gegründeten Imago Publishing Company herauszugeben.

Die fünf Schwestern Freuds

Vier der fünf Schwestern Freuds, Regine Debora (Rosa), Marie (Mitzi), Esther Adolfine (Dolfi) und Pauline Regina (Paula), blieben in Wien zurück. Nach gescheiterten Versuchen, auch ihnen die Flucht zu ermöglichen, wurden sie in Konzentrationslagern interniert und in den Jahren 1942 und 1943 von den Nazis ermordet.

Tod im Exil

Im Exil setzte Freud seinem Leben durch Suizid ein Ende. Er war vom Krebs schwer gezeichnet, konnte kaum mehr reden und verlangte von seinem Arzt Sterbehilfe. Am 23. September 1939 um drei Uhr morgens stellte Max Schur nach einer von Freud gewünschten tödlichen Dosis Morphin dessen Tod fest. Sigmund Freud ist mit seiner Frau Martha und seiner Tochter Anna im Kolumbarium des Golders Green Crematorium im Nordwesten von London beigesetzt.

Das Erbe

Sigmund Freud war der Begründer und unbestritten der bestimmende Theoretiker der Psychoanalyse. Er hat dadurch auf nahezu alle Vertreter dieses Fachs und darüber hinaus auf viele Humanwissenschaftler einen starken Einfluss ausgeübt. Nach Freuds Tod hat sich die Psychoanalyse in zahlreiche Schulen diversifiziert. Sie ist heute durch eine Pluralität der Konzepte und Konstrukte gekennzeichnet. In psychoanalytischen Diskussionen und Veröffentlichungen ist es gleichwohl üblich, sich auf das Werk Freuds als gemeinsame Referenz zu beziehen. Auf diese Weise haben Freuds Schriften trotz zahlreicher Korrekturen, Modifikationen und Weiterentwicklungen auch heute noch eine hohe Bedeutung.

Werk

Um zu klären, wie die menschliche Psyche funktioniert, entwickelte Freud eine damals ungewöhnliche Technik, bei der er die Träume seiner Patienten und deren Assoziationen dazu analysierte und hermeneutisch (textauslegend) deutete. Aus diesen Beobachtungen und Interpretationen entwickelte er sein Modell einer dreiteiligen psychischen Struktur. Seinem Vorschlag zufolge setzt sich die Struktur der Psyche eines Menschen aus drei Teilen (Instanzen) zusammen, dem Es, dem Ich und dem Über-Ich. Er vertrat die Ansicht, dass der überwiegende Teil der menschlichen Entscheidungen „unbewusst“ und nur ein geringer Teil „bewusst“ motiviert ist.

Sein „Strukturmodell der Psyche“ entwickelte Freud in zwei Schritten. So veröffentlichte er im Laufe seiner Forschungen verschiedene topische Modelle über die Struktur und die Dynamik des psychischen Apparates.

Es, Ich und Über-Ich

In der ersten Topik unterschied er das „Bewusste“ vom größeren und einflussreicheren „Unbewussten“ und legte dar, wie das Unbewusste das Bewusstsein beeinflusst. In der zweiten Topik, die er vor allem in seiner Schrift Das Ich und das Es (1923) entwickelte, führte Freud erstmals seine Theorie über das Es, das Ich und das Über-Ich näher aus. Den Begriff Es übernahm Freud von dem Arzt und Wegbereiter der Psychosomatik Georg Groddeck, allerdings mit einer veränderten Bedeutung.

Das Es bildet das triebhafte Element der Psyche und kennt weder Negation noch Zeit oder Widerspruch. Damit bezeichnet Freud jene psychische Struktur, in der die Triebe (z. B. Hunger, Sexualtrieb), Bedürfnisse und Affekte wie Neid, Hass, Vertrauen oder Liebe gründen. Die Triebe, Bedürfnisse und Affekte sind auch Muster (psychische „Organe“), mittels derer wir weitgehend unwillentlich bzw. unbewusst wahrnehmen und durch die unser Handeln geleitet wird.

Das Ich, Randgebiet des „Es“, bezeichnet jene psychische Strukturinstanz, die mittels des vernünftigen und selbstkritischen Denkens sowie mittels kritisch-rational gesicherter Normen, Wertvorstellungen und Weltbild-Elemente realitätsgerecht vermittelt „zwischen den Ansprüchen des Es, des Über-Ich und der sozialen Umwelt mit dem Ziel, psychische und soziale Konflikte konstruktiv aufzulösen (= zum Verschwinden zu bringen).“ (Rupert Lay, Vom Sinn des Lebens, 212)

Das Über-Ich schließlich bezeichnet jene psychische Struktur, in der die aus der erzieherischen Umwelt verinnerlichten Handlungsnormen, Ich-Ideale, Rollen und Weltbilder gründen.

Das Es, Ich und Über-Ich

Das Ich und das Über-Ich entstehen aus dem Es. Die Verdrängung von Vorstellungen (insbesondere solchen aus dem Es) wird dem Über-Ich zugeschrieben. Dieses ist ein Teil des Ich und beurteilt die Gedanken, Gefühle und Handlungen des Ich. Das Über-Ich entsteht nach Freud mit der Auflösung des Ödipus-Komplexes (ca. im 5. Lebensjahr). Nach Freud entsteht ein Großteil der Motivation menschlichen Verhaltens aus dem unbewussten Konflikt zwischen den triebhaften Impulsen des Es und dem strengen bewertenden Über-Ich (vgl. die Konzepte zur Abwehr und Sublimierung). Nach Freud unterliegen auch manche Aspekte der Gesellschaft einer solchen Triebdynamik.

Entwicklungsmodell der Psyche

Nach den ersten Lebensmonaten erfahre ein Neugeborenes immer deutlicher, dass es von Dingen und anderen Menschen unterschieden sei. Es entwickle ein erstes Bewusstsein von den eigenen Körpergrenzen und Selbstwahrnehmungen. „In den folgenden vier Lebensjahren lernt ein Kind (vorsprachlich und deshalb auch unbewusst) die Fragen zu beantworten: 'Wer bin ich?' – 'Was kann ich?' und somit sein Selbstbewusstsein auch inhaltlich zu füllen.“ Um das Es herum wird also eine Zone aufgebaut, die man als frühes Ich bezeichnen kann. Das frühe Ich, das sich wie eine Hülle um das Es legt, wird somit von den frühen Körperrepräsentanzen und den frühen Selbstrepräsentanzen gebildet. Die frühen Körperrepräsentanzen seien die kindlich grundgelegten Bewusstseins- und Gefühlsinhalte über Körperbereiche. Zu den frühen Selbstrepräsentanzen zählen die kindlich grundgelegten Bewusstseins- und Gefühlsinhalte bezüglich der eigenen Person. Sie bestimmten den Sozialcharakter und all unsere später erworbenen Selbstvorstellungen (wer wir sind, was wir fürchten und erhoffen, was wir uns zutrauen…) auf unterschiedliche Weise mit.

Diese Theorien werden heutzutage von den kognitiven Neurowissenschaften herausgefordert.

(Last Modified: 26. February 2017 10:22:08)
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