io
(Europe/Berlin)
Topics viewed: 392847

Schelling


Schelling

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

Friedrich Wilhelm Joseph Ritter von Schelling (27. Januar 1775 in Leonberg, Herzogtum Württemberg - 20. August 1854 in Bad Ragaz, Kanton St. Gallen) wurde 1812 geadelt, er war ein deutscher Philosoph und einer der Hauptvertreter des Deutschen Idealismus.

Leben

Schelling stammte aus einer alteingesessenen schwäbischen Pfarrersfamilie. Der Vater Joseph Friedrich Schelling, zunächst Pfarrer und Diakon in Leonberg, ab 1777 Lehrer am Höheren Seminar des Klosters Bebenhausen, war ein angesehener Orientalist. Das intellektuelle Milieu in Schellings Elternhaus war geprägt durch die protestantische Mystik und pietistische Innerlichkeit der Schwabenväter Johann Albrecht Bengel und Friedrich Christoph Oetinger und sollte nicht ohne Einfluss auf Schellings spätere Philosophie bleiben. Schelling besuchte zunächst die Lateinschule in Nürtingen, dann die evangelische Klosterschule in Bebenhausen. Der als geistig frühreif geltende Schelling lernte dort neben Griechisch und Latein auch Hebräisch, Arabisch und neuere Sprachen mit den älteren Schülern. Dabei wurde Schelling unter anderem sehr von seinem Onkel und Lehrer Nathanael Köstlin geprägt, der später auch Schelling unterrichtete.

Mit einer Sondergenehmigung konnte Schelling 1790 bereits im Alter von knapp sechzehn Jahren in das Tübinger Evangelische Stift, das zur Universität gehörte, aufgenommen werden. Dort studierte er Evangelische Theologie gemeinsam mit Friedrich Hölderlin und Georg W. F. Hegel, es kam zu einer geistig sehr fruchtbaren Freundschaft (die "Tübinger Drei"). Die Ideen der Drei wurden vor allem durch die geistige Welt der theologischen Aufklärung und den Enthusiasmus der Französischen Revolution geprägt. Ihr revolutionärer Geist schlägt sich im so genannten ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus (1796/97) nieder, in dem neben Gedanken zur Freiheit und zur Staatskritik auch die Idee einer Neuen Mythologie vertreten wird. Neben dem Studium der Philosophie Kants war es vor allem die Schrift über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn von Friedrich Heinrich Jacobi, die großen Einfluss auf das Denken der Drei ausübte. Durch diesen Text und den folgenden Pantheismusstreit wurde die Philosophie von Spinoza im deutschen Sprachraum, wenn auch als Skandalon, erst richtig bekannt. Schellings Auseinandersetzung mit Kant zeigt sich bereits in seiner Magister-Dissertation 1792, einer Abhandlung über den Ursprung des Bösen. Die Philosophie Spinozas hatte vor allem auf Schellings Früh- und Identitätsphilosophie starken Einfluss. Auch setzte Schelling sich bis zum Jahre 1812 immer wieder mit den Lehren Jacobis auseinander.

In seinen philosophischen Anfängen wurde Schelling auch durch die Philosophie Johann Gottlieb Fichtes stark beeinflusst, der damals in Jena lehrte und einen an Kant angelehnten subjektiven Idealismus vertrat. Die Nähe zu Fichtes Gedanken kommt in seiner Frühschrift Vom Ich als Prinzip der Philosophie oder über das Unbedingte im menschlichen Wissen (1795) zum Ausdruck und intensivierte sich nach der gemeinsamen Jenaer Zeit. 1801/02 kam es jedoch zum Bruch mit dem philosophischen Mentor Fichte, der sich im Briefwechsel der beiden dokumentiert. Nach Beendigung seines Theologiestudiums 1795 ging Schelling zunächst als Hauslehrer nach Stuttgart, 1796 zum Studium an die Universität nach Leipzig, wo er bis 1798 Mathematik, Naturwissenschaften und Medizin studierte und damit die Grundlagen für seine Naturphilosophie legte. In dieser Zeit besuchte er seinen Landsmann Schiller in Jena, machte über diesen dort die Bekanntschaft Goethes (1796) und publizierte seine erste naturphilosophische Schrift mit dem programmatischen Titel Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797).

Im August 1798 reiste Schelling zum Studium der dortigen Kunstsammlung nach Dresden. Hier kam es zum ersten Kontakt mit dem Kreis der Frühromantiker um die Gebrüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Novalis, Friedrich Tieck und Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. 1798 wurde der erst Dreiundzwanzigjährige mit der Unterstützung Goethes zum außerordentlichen Professor nach Jena berufen.

Forschungs- und Lehrtätigkeit

Ab 1798 lehrte Schelling als Professor in Jena neben Fichte, der allerdings schon 1799 wegen des Vorwurfs des Atheismus (siehe Fichte) seinen Lehrstuhl dort verlor. 1799 veröffentlicht Schelling seinen Ersten Entwurf zu einem System der Naturphilosophie und es entstand das System des transzendentalen Idealismus (1800), in welchem Schelling Naturphilosophie und Transzendentalphilosophie als gleichberechtigte Grundwissenschaften darstellte. Er gab außerdem eine Zeitschrift für spekulative Physik (1800/01) heraus, in der die Darstellung meines Systems der Philosophie (1801) erschien - das grundlegende Werk seiner Identitätsphilosophie, einer Philosophie des Absoluten, die stark von Spinoza geprägt ist.

Nach Fichtes Weggang aus Jena setzte ein Briefwechsel zwischen Schelling und Fichte ein, doch ab 1801 kam es zur philosophischen Entfremdung und der Briefwechsel endete 1802. Der Disput bezieht sich auf den Naturbegriff, den Begriff der intellektuellen Anschauung sowie auf das Verhältnis von Transzendental- und Naturphilosophie. Fichte, der als Subjekt nur das Ich kennt, kritisiert Schellings Vorstellung einer subjekthaften Natur, einer natura naturans. Auch kann es für ihn neben der Transzendentalphilosophie keine gleichberechtigte Naturphilosophie als Grundwissenschaft der Philosophie geben.

Ab 1802 arbeitete Schelling mit Hegel zusammen, beide gaben die Zeitschrift Kritisches Journal der Philosophie heraus (1802-1803). Im Jahre 1802 erschien der sokratische Dialog Bruno oder über das natürliche und göttliche Prinzip der Dinge (1802). Im selben Jahr hält Schelling seine Vorlesungen zur Methode des akademischen Studiums, welche 1803 erscheinen, mit der Zielrichtung, die vereinzelten Forschungszweige auf eine einheitliche philosophische Grundlage zu stellen.

1841 wurde Schelling nach Berlin auf den vakanten Lehrstuhl Hegels berufen. Dort lehrte er vor allem Religionsphilosophie (veröffentlicht als Philosophie der Mythologie und der Offenbarung). In der damaligen Metropole des Hegelianismus galt sein Auftreten als das letzte große Universitätsereignis. Am 15. November hielt er dort seine Antrittsvorlesung und las im Wintersemester "Philosophie der Offenbarung". Unter den Hörern befanden sich neben hohen Staatsbeamten, Militärs, Universitätsprofessoren, auch Michail Alexandrowitsch Bakunin, Søren Kierkegaard, Friedrich Engels, Jacob Burckhardt, Savigny, Steffens, Trendelenburg, Leopold von Ranke, Alexander von Humboldt und weitere einflussreiche Intellektuelle des 19. Jahrhunderts. Aus unterschiedlichen Gründen sind Rechts- wie Linkshegelianer gleichermaßen auf seine Vorlesungen gespannt. Doch schon bald macht sich Enttäuschung breit und das Interesse an Schellings Vorlesungen lässt nach. So schreibt Kierkegaard, der sich zunächst über Schelling Rede von "Wirklichkeit" freute, enttäuscht: "Ich bin zu alt, um Vorlesungen zu hören, ebenso wie Schelling zu alt ist, um sie zu halten." Die Nachschrift einiger Vorlesungen zur Philosophie der Offenbarung wurde ohne Schellings Zustimmung, verbunden mit seiner heftigen Kritik, von seinem Feind Heinrich Eberhard Gottlob Paulus veröffentlicht. Ironie des Schicksals ist es wohl, dass es ebendiese Paulus-Nachschrift ist, die die Studierenden der Philosophie in der Suhrkamp-Ausgabe heute als Schellings Philosophie der Offenbarung lesen. Schelling zog sich daraufhin von der Lehrtätigkeit zurück, verblieb aber und arbeitete weiterhin in Berlin, wo ihm am 31. Mai 1842 der Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste verliehen wurde.

Den Sommer 1854 verbrachte er zur Kur in Bad Ragaz in der Schweiz und starb dort am 20. August 1854. Dort steht auch sein Grabmal (1855) von Georg Friedrich Ziebland. "Dem ersten Denker Deutschlands" lautet die Inschrift unter einem Basrelief, das Schelling inmitten seiner Schüler zeigt. Maximilian II. von Bayern "setzte seinem geliebten Lehrer dieses Denkmal".

Philosophie

Die ältere Schelling-Forschung (Kuno Fischer, Wilhelm Windelband) neigte dazu, eine Reihe völlig verschiedener Systeme im Wandel des Schellingschen Denkens anzunehmen oder wie Horst Fuhrmans eine "Wende" festzustellen, die von "außen" kam und sich nicht durch innere Entwicklung vollzog. Aufgrund dieser vermeintlichen Wandelbarkeit wurde Schelling auch "Proteus" der Philosophie genannt. Demgegenüber betont die neuere Schellingforschung mehr die Kontinuität seiner Grundeinsichten, die sich im Wandel durchgehalten habe. Ein solches sich durchhaltendes Motiv wird z.B. in der Freiheit gesehen. Auch die Sinnhaftigkeit einer Periodisierung wird in der Forschung immer wieder diskutiert und hinterfragt. Solche Versuche stellen nicht nur die Einheit des Denkweges in Frage, sondern fallen auch unterschiedlich je nach leitendem Gesichtspunkt (naturphilosophisch, anthropologisch, religionsphilosophisch) der Interpretation aus. Im Anschluss an die Frage nach dem Wandel des Systems wird auch immer wieder über ein "Scheitern" Schellings spekuliert.

Trotz der Schwierigkeiten einer Periodisierung kommt man um eine Einteilung des Werkes nicht umhin. Dies ist am unproblematischsten, wenn diese sich an der Chronologie orientiert. So scheint folgende Einteilung eine gewisse Einstimmigkeit in der Forschung zu haben: die Phase der Frühphilosophie (1797-1800), die Phase der Identitätsphilosophie (1801-1808), die Freiheits- und Weltalterphilosophie (1809-1827) und die Phase der Philosophie der Mythologie und der Offenbarungsphilosophie (1827-1850). Grob eingeteilt wird oft vom frühen (1797-1809), dem mittleren (1809-1827) und dem späten (1828-1850) Schelling gesprochen. Dies alles unter dem Vorbehalt der oben genannten Problematik.

In der ersten Periode knüpft er an Fichte an. Hier erscheint Schelling, wie Fichte, von dem Bestreben beherrscht, die Philosophie als eine Vernunftwissenschaft darzustellen. In der zweiten Periode, in welcher er seinen eigenen Worten nach wieder zu Kant zurückgekehrt ist, sieht Schelling dagegen die Philosophie als eine "die bloße Vernunfterkenntnis überschreitende positive Wissenschaft". Beiden Perioden gemeinsam ist das Bemühen, das Ganze der Wissenschaft aus einem einzigen Prinzip systematisch abzuleiten, jedoch mit dem Unterschied, dass dieses Prinzip in der ersten Periode (Philosophie = Vernunftwissenschaft) als innerhalb der Vernunft selbst gelegenes (immanentes, rationales), dessen Folgen notwendige und daher der bloßen Vernunft erreichbare sind, in der zweiten Periode (Philosophie = positive Wissenschaft) dagegen als jenseits und über der Vernunft gelegenes (transzendentes, übervernünftiges, "unvordenkliches") angesehen wird, dessen Folgen "freie" (d. h. vom Wollen oder Nichtwollen abhängige, ebenso gut stattfinden als ausbleiben könnende) und daher nur durch "Erfahrung" (Geschichte und Offenbarung) erkennbar sind.

In Schellings System der Philosophie (in der ersten Periode) wird das schöpferische Ich im Anschluss an Johann Gottlieb Fichtes ursprüngliche Wissenschaftslehre zum obersten Prinzip gemacht. Nach Beseitigung des Kantschen Dinges an sich in Fichtes Entwurf ist das Ich das einzige Reale, durch dessen innerlich zwiespältige, ruhelos setzende und wieder aufhebende Tätigkeit die Totalität des Wissens als des einzig Realen zustande kommt, daher sein System Idealismus ist. Während jedoch Fichte das Ich als die individuelle Grundlage des persönlichen menschlichen Bewusstseins auffasst, begreift Schelling es als allgemeines oder absolutes, mit einer (in der Naturform) bewusstlos schöpferischen Produktion - die reale Natur - und einer (in der Geistesform) bewusst schöpferischen Produktion - die ideale Geisteswelt. Beide (das Ideale wie das Reale) sind aber als "Seiten" desselben (absoluten) Ich in ihrer Wurzel identisch. Die Deduktion des gesamten Naturseins (natura naturata) aus dem Absoluten als (unbewusst) schaffendem Realprinzip (natura naturans) ist Gegenstand der Naturphilosophie (1797/99), durch welche Schelling "ein neues Blatt in der Geschichte der Philosophie aufgeschlagen haben" will. Hier ist auch die universale Sichtweise zu nennen, die sich z. B. in der Rezeption des Brownianismus niederschlug.

Einfluss

Unter anderem wurden durch Schelling Hegel, Baader, Ernst von Lasaulx, Ludwig Schöberlein, Karoline von Günderrode, Troxler, Steffens, Görres, Bernheim, Lorenz Oken, Spix, Windischmann, Schubert, Solger, Cousin, Nishida und vor allem auch Martin Heidegger beeinflusst.

In England wirkte er auch auf den Dichter und Literaturkritiker Samuel Taylor Coleridge und den Dichter, Literatur- und Kunstkritiker Sir Herbert Read u.a. Jürgen Habermas und Paul Tillich behandelten Schellings Philosophie in ihren Dissertationen. Tillich ist vor allem von Schellings Spätphilosophie beeinflusst. Schelling beeinflusste Gotthard Günther (1900-1984), der eine mehrwertige "Polykontexturale Logik" mit einem komplexen Systemverbund entwickelte, um selbstreferentielle Lebensprozesse zu modellieren. In seiner Philosophie (Schellings Naturphilosophie thematisierte er in seiner letzten Vorlesung in Hamburg) untersucht er u.a. - in Anlehnung an die Kybernetik - die Rückkoppelungsprozesse zwischen Subjekt und Objekt: "An dieser Stelle soll hervorgehoben werden, dass es eigentlich nicht richtig ist, von zwei Kausalketten zu sprechen - eine entsprungen im unbelebten Objekt und die andere im Lebendigen - und zwar deshalb, weil alle lebendigen Systeme ursprünglich aus eben der Umwelt aufgetaucht sind, von der sie sich dann selbst abgeschirmt haben. In der Tat gibt es nur eine Kausalkette, entsprungen aus und sich ausbreitend durch die Umwelt und zurückreflektiert in diese Umwelt durch das Medium des lebenden Systems."

Unter den Vertretern der sog. positiven Disziplinen außerhalb der Naturwissenschaft erfuhren die Mediziner Röschlaub, Marcus, Friedrich Joseph Haass, Carl August von Eschenmayer, unter den Juristen der Rechtsphilosoph Fr. J. Stahl und der Romanist Puchta Anregungen von ihm. Auch der erste große Wirtschaftstheoretiker in Deutschland Friedrich List wurde von ihm beeinflusst. Seine ökonomische Theorie der produktiven Kräfte, die sich von der Werttheorie Adam Smiths abgrenzte, erhielt Anregungen durch insbesondere Schellings Naturphilosophie.

(Last Modified: 26. February 2017 10:21:50)
(Lettercount: 12560)

Themen-Wolke

  Petridou     Scholl-Latour     Anne Will     Schelling     Kontakt     Fotos     Wissen-5     Statistik     Kohlhaas     Berlin     Miss Platnum     Philosophie     Martin Luther     Schopenhauer     Illusion     Flaeming     Caren Miosga     Sotschi     De Sade     Antimarteria     Schmidt     Esmée Denters     IRCnet     Lierhaus     BVG     Siemens     Sibel Kekilli     Jodie Foster     Adorno     OpenCV     Ganymed     Impressum     Zervakis     Weltmeister     Müntzer     Tschirner     De France     Ina Müller     Ingwer     Perl     Hertha BSC     Titeltt     Novatlan     Jueterbog     Nietzsche     Heimat     Compiz     Bad Schandau     Stolz auf Sido     TCL     Schiller     Bedingfield     Schlafparalyse     Richter     Liga-Script     Kant     Kim Fisher     Wissen-1     Max Moor     Europa     Xenophon     Ginny Good     Schöneberger     Stirner     Sokrates     Johann Tetzel     Wissen-3     Klemmkuchen     Judith Rakers     Spargel     Feuerbach     Melanchthon     Bloch     Freud     Pinar Atalay     Io     Kuttner     Anke Engelke     Riefenstahl     Jupiter     Debussy     F1-Script     Hegel     Shambhala     Kloster Zinna     Misanthrop     Neukölln     Wissen-2     Daubner     Galilei     Platon     Pielhau     Fichte     WetterApp     Goethe     Brandenburg     Lindwurm     Dennewitz     Christen     Slawen     Maerchen     Kallisto     TV-Script     Wissen-4     Sagen     Marlene Dietrich     Moss  

(Themecount: 107)